Feature
Von Deutschland nach Kullorsuaq: Birgitta Kammann Danielsen über Alltag, Wahlen und Trumps Annexionspläne.
11. August 2025
Foto: Julian Andrea Rupp
Birgitta Kammann Danielsen lebt seit 18 Jahren in Grönland, seit 15 Jahren in Kullorsuaq, einem Dorf im Nordwesten Grönlands mit rund 500 Einwohner:innen. Wir haben sie und ihren Partner Laasi in Bern nach dem Besuch der Grönland-Ausstellung getroffen und mit ihr über die turbulenten letzten Monate gesprochen – geprägt von Trump'schen Annexionsdrohungen und Parlamentswahlen – sowie ihre Rolle als Deutsche in Grönland.
Birgitta Kammann Danielsen, was hat Sie nach Grönland gezogen?
Ich
habe immer schon von Grönland geträumt und etliches gelesen. Es gab eine Anziehungskraft,
die ich nicht rationell erklären kann. Als ich 1995 in die USA flog, wäre ich am liebsten
aus dem Fenster gesprungen, als wir über Grönland waren. 2000 reiste ich erstmals als
Touristin nach Grönland und als ich in Kangerlussuaq landete, musste ich weinen, so gerührt
war ich, endlich in diesem Land zu sein ─ es fühlte sich ein bisschen wie ‹nach Hause
kommen› an. Nach einem Sabbatical in Grönland von 2001 bis 2002 kam ich jedes Jahr als
Tourist-Guide zurück, bis der Spagat zwischen meinem Leben in Deutschland und dem in
Grönland zu gross wurde ─ 2006 beschloss ich deshalb meinen guten Job in Deutschland zu
kündigen und im August 2007 zog ich nach Uummannaq, wo ich eine Stelle als Lehrerin gefunden
habe. 3 Jahre später dann nach Kullorsuaq.
Nun sind Sie aus Grönland zu Besuch in der Schweiz und haben die Ausstellung «Grönland.
Alles wird anders» besucht, bei der Sie selbst mitgewirkt haben. Wie ist Ihr
Eindruck?
Die Ausstellung hat es geschafft, verschiedene Aspekte vom Leben in Grönland und von
den Veränderungen darzustellen. Besonders beeindruckt hat mich, wie viele Menschen durch die
Interviews und Bilder ihre eigene Perspektive zeigen konnten.
Seit dem Projektstart 2023 ist viel passiert. Im März 2025 fanden in Grönland
Parlamentswahlen statt, die internationale Aufmerksamkeit erhielten – nachdem sich der
US-Präsident mehrfach geäussert hatte, Kontrolle über das Land übernehmen zu wollen. Wie
verändert das die Perspektive?
Es hat sich in Grönland viel verändert, vor allem im letzten halben Jahr. Ich dachte immer,
ich lebe auf einer weit abgelegenen Insel, wo wir unsere Ruhe haben und weit weg vom
Weltgeschehen sind. Doch plötzlich steht das Land im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das geht
vielen so, die in Grönland leben.
Wie reagiert Ihr Dorf auf die Situation? Sie sprechen in der Ausstellung davon, dass es
Arbeitsplätze, einen neuen Hafen, mehr Wohnungen braucht. Jetzt steht jemand auf der
Türschwelle, der Geld verspricht.
Diese Diskussion hat definitiv dazu geführt, dass der Wunsch nach Selbstständigkeit und das
Selbstbewusstsein der Grönländer:innen noch zugenommen hat. Die Menschen sagen: «Wir sind
weder Däninnen oder Dänen, noch wollen wir Amerikaner:innen sein, wir sind
Grönländer:innen». Das ist flächendeckend spürbar, auch wenn es grosse Unterschiede zwischen
der Hauptstadt Nuuk und unserem kleinen Dorf gibt.
Bei uns sagen wenige, Trump könne
uns jetzt alles finanzieren. Viele äussern das im Scherz, weil das Bewusstsein da ist, dass
es wohl nicht so wäre. Es gibt aber auch Menschen im Dorf, die sehr arm sind und bei denen
eine gewisse Hoffnung vorhanden ist.
Wir sind Grönländer:innen und keine Däninnen oder Amerikaner:innen
Die Parlamentswahlen im März fanden kurz nach den Annexionsbekundungen statt. Hat sich
die grönländische Haltung in den Wahlkämpfen nochmals verstärkt gezeigt?
Ja, das war ein grosses Wahlkampfthema. Alle waren sich einig: Wir sind
Grönländer:innen und keine Däninnen oder Amerikaner:innen. Innerhalb dessen gab es aber
Differenzierungen, beispielsweise bei der Frage, wie schnell man unabhängig sein möchte. Die
Partei, die eine schnelle Abkopplung von Dänemark forcieren wollte, erhielt viele Stimmen,
aber nicht die absolute Mehrheit. Die moderateren Demokraten, die ebenfalls
Selbstständigkeit wollen, aber für eine gute Zusammenarbeit mit Dänemark stehen, gewannen
schlussendlich und bildeten eine sehr breite Koalition mit vier der fünf Parlamentsparteien.
Das Signal war klar: In dieser Situation müssen wir zusammenarbeiten, statt uns zu
bekriegen.
Sind die Unabhängigkeitsbestrebungen spürbar stärker geworden?
Ja, das merkt man in den Gesprächen. Diese ganze Trump-Geschichte hat auch
dazu geführt, dass Dänemark deutlich mehr über die eigene Rolle nachdenkt und sich
respektvoller gegenüber den Grönländer:innen verhält. Aussagen wie «wir entscheiden das nur
mit den Grönländer:innen zusammen» oder «das entscheiden nur die Grönländer:innen» waren
früher selten zu hören.
In Ihrem Interview sprechen Sie davon, dass das Leben in Grönland im Hier und Jetzt
stattfindet. Wie passt das zu den vielen Zukunftsthemen?
Bei uns im Dorf sprechen nicht alle täglich über Politik oder den
US-Präsidenten. Das läuft mehr über die Medien. Auf das alltägliche Leben hat es nicht so
grossen Einfluss – da geht es wirklich mehr um Fragen wie: «Gehe ich heute fischen oder
nicht?» und «reicht das Geld für den Einkauf?» Solche Fragen sind wichtiger.
Birgitta Kammann Danielsen und ihr Mann Laasi Danielsen. Foto: Julian Andrea Rupp
Sie leben seit 18 Jahren in Grönland. Hat sich Ihre Rolle im Dorf verändert?
Am Anfang wollte ich möglichst viel von der Kultur lernen. Das brachte mich manchmal in
schwierige Situationen, weil es kulturelle Aspekte gibt, die nicht zu mir passen.
Mittlerweile habe ich eine Haltung entwickelt, dass meine Stärken – wie das Organisieren –
auch geschätzt werden. Aber ich habe auch viel gelernt: Ich bin ruhiger geworden und kann
mehr von einem Tag auf den anderen leben. Die grösste Stärke der Grönländer:innen ist es,
mit Mangel zu leben und kreative Lösungen zu finden. «Wir machen es auf Grönländisch», sagen
die Menschen immer. Das finde ich grossartig.
Youtube
In der ALPS-Ausstellung erzählen Menschen in Grönland über ihre Sicht auf die Insel. Eine Auswahl der Interviews findest du auf Youtube.
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